Presseberichte

RP 21.12.2017

Von der Landung auf einem Kometen
Mönchengladbach: Von der Landung auf einem Kometen
Geophysiker Stephan Ulamec referierte auf Einladung des Wissenschaftlichen Vereins über seine Mission. Foto: Ilgner
Mönchengladbach.
Sterne üben seit Menschengedenken eine große Faszination auf die Menschen aus. Zahlreiche Mythen ranken sich um die Himmelskörper. Der Geophysiker Stephan Ulamec berichtete von der Landung auf einem Kometen.
Von Eva Baches
 
Er ist vier Kilometer groß, seine Oberfläche hat Dünen und Krater, teilweise sieht es aus wie grauer Sand. Das ist der Komet mit dem unglaublichen Namen 67P/ Churyumov-Gerasimenko. Die Mission Rosetta, eine Cornerstone Mission des ESA Horizon 2000 Programms, lieferte tolle Bilder. In seinem Vortrag berichtete Stephan Ulamec auf Einladung des Wissenschaftlichen Vereins im Stiftischen-Humanistischen Gymnasium von der Mission Rosetta Lander Philae. Warum landet man auf einem Kometen? "Kometen können uns Antworten liefern, um die Entstehung unseres Sonnensystems zu begreifen", sagt Ulamec.
Ganze zehn Jahre brauchte die Sonde, um den Kometen zu erreichen. Denn sie sollte den Kometen nicht nur umkreisen, sondern auf ihm landen, um konkrete Daten zu liefern. Im August 2014 erreichte die Sonde Philae, ihr Ziel. Auf der Suche nach einem geeigneten Landeplatz folgten zahlreiche Erkundungen. "Wir haben etwa zehn mögliche Orte untersucht. Meine große Angst war, dass wir auf einem Hang landen und die Sonde abrutscht", sagt der Geophysiker.

Am 12. November 2014 wurde es dann spannend im Kontrollraum. Geschlagene sieben Stunden dauerte der Abstieg. "Da hält man schon den Atem an. Zunächst verlief auch alles nach Plan. Doch plötzlich bewegte sich die Sonde. Es dauerte zwei Stunden, bis wir mit den Messungen beginnen konnten", so Ulamec.

Insgesamt zehn Instrumente, darunter ein Massenspektrometer und ein Radar sind an der Sonde angebracht. Die Daten, die sie lieferten, sind bis heute erstaunlich und werden die Wissenschaft noch lange beschäftigen. "Wir konnten eine hohe Anzahl an organischen Komponenten nachweisen. Die Oberfläche erwies sich entgegen unserer Erwartungen als sehr hart", berichtet der Wissenschaftler. Da der Landeplatz an einer schlecht beleuchteten Stelle liegt, riss die Verbindung ab, weil die Batterien erschöpft waren. "Wir haben mit Solarzellen gearbeitet, um die Batterien zu betreiben. Wir konnten für kurze Zeit noch einmal Kontakt herstellen - das letzte Mal im Juli 2015. Danach waren keine Experimente mehr möglich", sagt Ulamec.

Zuhörerin Hildegard Stalz war begeistert von dem Vortrag: "Es war sehr interessant. Ich habe schon viel über die Unternehmung gelesen. Aber darüber live zu hören, ist schon etwas ganz anderes."

RP 13.11.2017

Textilien werden immer intelligenter

Mönchengladbach.

Hochschulprofessorin Anne Schwarz-Pfeiffer über neue Forschungsansätze.

Von Simone Krakau

Ein Sportanzug, der die Muskeln unterstützt, eine Leggings, die unsere Beine wärmt, oder ein Shirt, das unsere Herzfrequenz misst: Professorin Anne Schwarz-Pfeiffer referierte im Haus Erholung über die so genannten "Smart Textiles" (intelligente Textilien).

Aktuelle Trends und deren Entwicklung waren Thema des vom Wissenschaftlichen Verein organisierten Vortrags. Die Entstehung intelligenter Textilien geht zurück bis in die 90er-Jahre, erklärte Schwarz-Pfeiffer, die im Fachbereich Textil- und Bekleidungstechnik die Fächer Internationales Textilmanagement und "Smart Textiles" lehrt, ihrem Publikum. Damals noch dienten die Textilien lediglich als Trägerstruktur - für rund 1000 DM konnte man eine Jacke erwerben, in welche sich lediglich elektronische Geräte integrieren ließen. Zu Beginn des neuen Jahrtausends dann gab es die erste Sportjacke mit integrierten Heizpanels, die für die nötige Wärme sorgten.

Dass die aktuelle Produktpalette der interaktiven Kleidung sich mittlerweile durchaus erweitert hat, konnte die Referentin anhand einiger Beispiele darlegen: T-Shirts können die Herzfrequenz dank integrierter Sensoren aufnehmen - beispielsweise bei der sportlichen Aktivität oder aber auch bei gesundheitlichen Problemen. Neben der klassischen Sitzheizung im Auto, die auch zu den "Smart Textiles" gehört, gibt es mittlerweile auch Kleidungsstücke, wie Leggings oder Socken, die durch eingestrickte Drähte für Wärme sorgen.

Aber wofür brauchen wir die textile Unterstützung? "Sie kann das Leben natürlich einfacher machen", sagte Anne Schwarz-Pfeiffer. "Oftmals ist sie aber auch nur eine Spielerei." Das Motiv der "Smart Textiles" sei aber besonders im medizinischen Bereich begründet. Das sei der Markt, der den meisten Mehrwert mit sich bringe.

Sowieso sähen der Markt und die Entwicklung für die kommenden Jahre durchaus sehr vielversprechend aus. "So wie es ausschaut, wird es einen rasanten Anstieg geben", sagte Anne Schwarz-Pfeiffer. Studien zeigten, dass mit einer Wachstumsrate von 33 Prozent in den Jahren 2015 und 2020 gerechnet wird. Die Schlüsselmärkte seien, neben dem medizinischen, unter anderem der Sport- und Fitnessbereich sowie der Lifestyle- und Fashion-Bereich - blinkende T-Shirts inklusive.

Dennoch gebe es immer noch Hürden zu überwinden, mit denen sich die Forschung nun auseinandersetze. Einige der interaktiven Kleider brauchen noch externe Batterien. Daran soll noch gearbeitet werden.

RP 16. Oktober 2017

Impuls für ein verändertes Museumsverständnis 

Mönchengladbach.
 
Im Museum Schloss Rheydt sprach Susanne Titz über Tendenzen der Gegenwartskunst und erinnerte an Cladders.
 
Von Angela Wilms-Adrians
Susanne Titz, Leiterin des Museums Abteiberg, referierte im Museum Schloss Rheydt über Gegenwartskunst. (FOTO: Detlef Ilgner)

Das spektakuläre Guggenheim Museum Bilbao wurde zum Glücksfall für die spanische Stadt. Sie steht seitdem beispielhaft dafür, dass Kunst zum wirtschaftlichen Aufschwung führen kann. Beim Gastvortrag über Tendenzen der Gegenwartskunst konzentrierte sich Susanne Titz auf Aspekte des von ihr geführten Museums Abteiberg, doch auf diesen Hinweis mochte sie nicht verzichten. Denn in Mönchengladbach hatte schon wesentlich früher als in Bilbao eine Entwicklung eingesetzt, die 1982 in die Eröffnung des Hollein-Baus mündete und immer noch nachwirkt. Die Referentin war auf Einladung der Otto-Von-Bylandt-Gesellschaft gekommen, die wiederum mit dem Wissenschaftlichen Verein kooperiert. Bei der Begrüßung betone Bylandt-Vorsitzender Rolf Keuchen, dass die Fördervereine der beiden großen Mönchengladbacher Museen eine engere Zusammenarbeit beschlossen haben, um so gestärkt "ein bisschen Kulturpolitik" betreiben zu können.

Titz führte ihre Zuhörer im Rittersaal zunächst zurück in die 1960er Jahre und damit in eine Zeit, als vieles hinterfragt wurde - eben auch die museale Präsentation. Sie berichtete, wie der frühere Museumsleiter Johannes Cladders die Einladung des belgischen Künstlers Marcel Broodthaers ins "falsche Museum", ein Kunstprojekt, angenommen hatte und seinen Text "Schüttelt den Staub ab" vortrug. "Es hat sich in Mönchengladbach ereignet, dass ein Museumsdirektor sagte: ,So kann man Museen nicht mehr bauen'", betonte die Referentin. Dabei verwies sie auf den einst üblichen Museumsbau, der Kunstgeschichte entlang Räumen chronologisch darzustellen versuchte. "Hier ist ein Museum, das ganz anders ist, das nicht mehr auf Abfolge setzt, wo jeder geleitet wird, sondern auffordert, sich zurechtzufinden. Das ist ein Programm, das Cladders in Gesprächen mit Künstlern und dem Architekten Hollein entwickelte", so Titz. Sie erinnerte an Holleins 1970 gezeigte Ausstellung zum Thema Tod im noch alten Städtischen Museum an der Bismarckstraße. Darin habe der Künstler gegenwärtige Dinge wie die Zeugnisse einer archäologischen Suche hinterfragt. Auch daraus habe sich die Idee für das neue Museum entwickelt.

Titz verwies auf die aktuelle Ausstellung "Von da an. Räume, Werke, Vergegenwärtigungen des Antimuseums 1967 - 1978". Dafür sind Räume an der Bismarckstraße temporär wiederbelebt worden, während die Ausstellung einen zweiten Ort im Museum Abteiberg hat. Die Museumsleiterin ist überzeugt, dass dies im Sinne von Cladders ist, der in Ausstellungen alte Sammlungen ins Spiel brachte und Querverbindungen von Zeiten herstellte. Themen ihres Vortrags waren auch die belebende Kraft des Abteiberg-Museums auf junge Künstler und dessen "schwierige Situation in der dritten Reihe". Dank des Rahmenplans Abteiberg sieht die Museumsleiterin eine Bewegung. "Ich bin gespannt, wie diese abläuft", sagte sie und fügte hinzu: "Vielleicht wird das Museum Abteiberg tatsächlich eine Rolle mitten in der Stadt spielen, wie es Hollein wollte."

RP 14. Oktober 2017

Wissenschaftlicher Verein mit neuer Homepage und neuem Programm

 Mönchengladbach.
 
Die Kontakte zu den 200 Mitgliedern sollen intensiv gepflegt werden, neue Mitglieder gewonnen werden. Die Vorträge 2017/18 klingen vielversprechend.
 
Von Inge Schnettler
 
Ludolf Kolsdorf ist der Vorsitzende des Vereins.
Ludolf Kolsdorf ist der Vorsitzende des Vereins. (FOTO: Inge Schnettler)

Er ist jung, modern und gut zu handhaben - der neue Online-Auftritt des Wissenschaftlichen Vereins. Das Programm 2017/18 ist dort zu finden - mit ausführlichen Erläuterungen zu den jeweiligen Referenten und ihren Themen. Das ist hilfreich, macht neugierig, und möglicherweise fühlen sich dadurch immer mehr Menschen animiert, die Vorträge, die im Haus Erholung und im Stiftisch-Humanistischen Gymnasium (Huma) gehalten werden, zu besuchen. "Wir haben uns von unserer alten Homepage verabschiedet, die neue ist von einem Profi erstellt worden", sagt der Vorsitzende Ludolf Kolsdorf.

Etwa 200 Mitglieder hat der Verein derzeit. "Wir werden den Kontakt intensiver pflegen als bisher und uns um neue Mitglieder kümmern", sagt Kolsdorf. Der Jahresbeitrag kostet 30 Euro, im ersten Jahr zahlt das Neu-Mitglied nur die Hälfte. "Dafür kommt er in den Genuss von elf interessanten Vorträgen aus den Bereichen Wirtschaft, Politik, Geschichte, Literatur und Naturwissenschaft. Im neuen Programm lassen sich mühelos etliche interessante Themen finden. Der erste Vortrag ist bereits vorbei, am Dienstag, 7. November, 19 Uhr, geht es im Haus Erholung weiter.

Anne Schwarz Pfeiffer, Professorin an der Hochschule Niederrhein, stellt "Smart Textiles" vor. Es geht um Heizunterwäsche, Shirts und Hosen mit integrierten Sensoren zur Vitalfunktionsmessung, Diebstahlsicherungen für LKW-Planen - um smarte oder intelligente Textilien. Dieter Lieverscheidt beschäftigt sich am Dienstag, 21. November, 19 Uhr, im Huma mit Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" - einem Werk, das bis heute Kristallisationspunkt heftiger literaturwissenschaftlicher Auseinandersetzungen ist. "Saudi-Arabien und Iran - Das Ringen um die hegemoniale Vormachtstellung am Golf" ist das Thema von Sebastian Sons am Dienstag, 5. Dezember, 19 Uhr, im Haus Erholung. "Im Prinzip geht es darum, wer am Golf letztlich gewinnen wird", sagt Ludolf Kolsdorf.

Der sich besonders auch auf den Vortrag von Stephan Ulamec am Dienstag, 19. Dezember, 19 Uhr, im Huma freut. Er spricht über die Mission "Rosetta Lander Philae". Zum ersten Mal landete 2014 ein von Menschen gefertigter Lander auf einem Kometen. Der Wissenschaftliche Verein konnte den deutschen Projektleiter für einen sicher spannenden Vortrag gewinnen. 

Ralf Klapdor klärt am Dienstag, 16. Januar 2018, 19 Uhr, im Haus Erholung über die "zehn größten Irrtümer über das deutsche Steuersystem" auf. "Hört sich vielleicht trocken an, der Referent wird das Thema aber kurzweilig vermitteln", ist der Vorsitzende überzeugt. Der Publizist Bernd Volkert greift am Dienstag, 30. Januar, 19 Uhr, im Haus Erholung ein brisantes aktuelles Thema auf: Liberalismus in Zeiten von Trump. Das Thema von Sascha Dickel heißt "Human Enhancement oder: Die technische Verbesserung des Menschen". Er referiert am Dienstag, 20. Februar 2018, 19 Uhr, im Haus Erholung.

Am 6. März 2018, 19 Uhr, beleuchtet Michael Madeja die "Möglichkeiten und Grenzen der Neurodidaktik - Das Gehirn auf der Schulbank". Und Elke Seefried beschäftigt sich am 20. März, 19 Uhr, mit der Krise der Weimarer Republik. Volker Springel behandelt am Dienstag, 4. April 2028, 19 Uhr, die "Dunkle Materie".

Alle weiteren Informationen gibt es auf der Homepage des Wissenschaftlichen Vereins: www.wissenschaftlicherverein.de.

RP 16. März 2017

Experte: China schwimmt im Geld und ist auf der Zukunftssuche

 
Beim Wissenschaftlichen Verein stellte Markus Taube strukturelle Probleme der chinesischen Volkswirtschaft vor und analysierte Ansätze zu deren Lösung. Von Angela Wilms-Adrians
 

Nicht zum ersten Mal stand das Thema China auf der Agenda der Vortragsreihe im Wissenschaftlichen Verein Mönchengladbach. "Man macht sich oft nicht deutlich, dass China die am längsten existierende Großmacht der Welt und ein interessanter Partner für Deutschland ist", hob der einst langjährige Vorsitzende Bodo Assert im Haus Erholung hervor. Auf seine Anregung hin wurde mit dem Referenten Markus Taube ein ausgewiesener Experte gewonnen. Der referierte über "China auf Zukunftssuche" mit der Fragestellung "Warum ist ein China 2.0 notwendig und wie könnte es aussehen?".

Bodo Assert, langjähriger Vorsitzender des Wissenschaftlichen Vereins, war bereits selbst in China. Foto: Assert

Der promovierte Sinologe und Volkswirtschaftler ist Inhaber des Lehrstuhls für Ostasienwirtschaft, Direktor der In-EAST School of Advanced Studies an der Universität Duisburg-Essen, leitet als Ko-Direktor das Konfuzius Institut Metropole Ruhr und hält Gastprofessuren an der Nankai Universität in China. Entsprechend groß war der Kenntnisschatz, aus dem Taube spannend und umfassend zu schöpfen wusste.

Es sei, als habe der chinesische Drache an Flugkraft verloren, nachdem Wachstumsraten von zehn Prozent in China lange selbstverständlich schienen, sagte Taube und betonte, dass ein Wachstum von fünf bis sechs Prozent immer noch sehr gut sei. Mit Blick auf Chinas "Wirtschaftswunderjahre" entwickelte er zunächst die "China Story 1.0". Die Geschwindigkeit des nachholenden Wachstums erklärte Taube mit vier Säulen: "billige" Arbeitskräfte, Ersparnis in Investitions-Nexus, hohe Sparquoten und Export statt Kaufkraft. In den 1970er Jahren drehte die Ein-Kind-Politik den von Mao geforderten Kinderreichtum ins Gegenteil.

 

Die Folgen zeigen sich mit Verzögerung. 2015 war der Gipfel der Verfügbarkeit von Arbeitskräften erreicht. Das Geschäftsmodell der billigen Arbeitnehmer ist vorbei. Beim Wachstum habe China lange Zeit von den Erfahrungen der Vorreiter Länder profitieren, eigene Fehlwege vermeiden und damit Ressourcen sowie Kosten sparen können. Doch irgendwann sei eine gläserne Decke erreicht, die nur mit unternehmerischen und technologischen Innovationen überwunden werden könne. Veränderungen seien notwendig. "Nach einem sehr erfolgreichen Reformprozess machen sich langsam Bremsspuren bemerkbar", so Taube mit Verweis zum Beispiel auf die Umweltbelastung, die eine kritische Grenze überschritten hat, und den selbst herbei geführten demografischen Wandel, der zur Bürde wird. Die Sparquote sei immer noch hoch. "Wir haben die Situation: China schwimmt im Geld und hat keine Anlagemöglichkeiten."

Beim Kauf von ausländischen Unternehmen sei China nun vor allem an den Bereichen Forschungs- und Entwicklungsfähigkeit interessiert, um Knowhow zu kaufen. Kurzfristig sei dies eine "zuckersüße Traube", da durch Übernahmen in Deutschland Arbeitskräfte gesichert werden und Unternehmen Zugang zum chinesischen Markt finden. Doch das Erwachen könnte bitter werden. China sucht stärkere Partner, will den Lerneffekt, nutzt diesen aber für den sehr geschützten chinesischen Markt, stellte Taube fest. Damit ließen sich auch ordnungspolitische Konflikte zwischen den Ländern erklären. Zur Frage, ob China eine Marktwirtschaft ist, stellte Taube fest: Auf der Oberfläche ist die Wirtschaft extrem kapitalistisch. Doch die Wertschöpfungskette von Privatunternehmen wird diskriminiert, während die Unternehmerelite identisch mit der Parteielite ist.

Quelle: RP »

RP 21. Dezember 2016

Früher war ganz sicher nicht alles besser

 
Mönchengladbach: Früher war ganz sicher nicht alles besser
Im Rhein schwimmen seit einigen Jahren wieder Lachse. FOTO: J. Mallwitz/dpa 

Mönchengladbach. 

Autor und Journalist Michael Miersch kritisierte in seinem Vortrag beim Wissenschaftlichen Verein die aktuelle Lust am Weltuntergang. Unter dem Titel "Ökologismus und Irrwege des grünen Denkens" präsentierte er vielmehr Erfolgsstorys. 

Von Angela Rietdorf

Wer geglaubt hat, Michael Miersch leugne den Klimawandel oder den menschlichen Einfluss darauf, sieht sich getäuscht. Der erfahrene Journalist und Autor ist zu klug und zu differenziert, um sich vor den Karren derer spannen zu lassen, die den Klimawandel für erfunden und Medien für lügenhaft halten. Was er kritisiert, ist die Lust am Weltuntergang, die Verbreitung von Angst und die Weigerung, positive Effekte und Entwicklungen wahrzunehmen und die eigenen Anschauungen kritisch zu reflektieren.

Michael Miersch, 30 Jahre als Journalist bei renommierten Medien tätig und heute Geschäftsführer bei der Deutschen Wildtierstiftung, referierte im Haus Erholung auf Einladung des Wissenschaftlichen Vereins zum Thema Ökologismus und Irrwege des grünen Denkens. Mit Ökologismus bezeichnet er die grüne Weltanschauung im Gegensatz zur Ökologie, dem wissenschaftlichen Forschungsgebiet. "Das grüne Denken hat heute die gesamte Gesellschaft durchdrungen", stellt er fest. Das lasse sich am sichersten daran erkennen, dass selbst Weltkonzerne wie Coca-Cola und McDonald´s sich ein grünes Mäntelchen umhängen. "Konzerne tun das nur, wenn sie glauben, dass das alle gut finden", erklärt er. Es gebe keine Gegner mehr, alle seien grün, allerdings werde dadurch das Etikett immer unklarer, die Widersprüche nähmen zu. Windkraftinvestoren vertreten ebenso grüne Positionen wie die Fledermausschützer, die sie bekämpfen. Die Plastiktüte, die aus Zuckerrohr hergestellt werde, nenne sich grün, Zuckerrohr werde aber nicht umweltfreundlich produziert. Biodiesel werde aus Palmöl hergestellt, für das wiederum Regenwald abgeholzt wird. Widersprüche über Widersprüche.

Wölfe und Biber werden in Deutschland wieder heimisch. FOTO: Felix Heyder/dpa 

Dann zählt er auf, was sich in den vergangenen Jahrzehnten alles zum Positiven verändert habe. "Die Verhältnisse haben sich von Grund auf gewandelt", sagt Miersch. Es gebe überall Kläranlagen, im Rhein schwimmen wieder Lachse, der Wolf kehre zurück ebenso wie der Biber. Die Luft sei sauberer, die Belastung mit Schwermetallen gehe zurück, Rohstoffe würden wiederverwertet, die Industrie brauche im Schnitt ein Drittel weniger Energie als 1990. Der Wald breite sich aus: "Eine grandiose Erfolgsstory", fasst er zusammen. Weil aber so viel erreicht sei, suchten die grünen Eliten nun potenzielle Gefahren in ferner Zukunft. Katastrophenszenarien seien speziell in Deutschland sehr beliebt bei den Medien. Als Beispiel für eine ausgebliebene Katastrophe nennt er das Waldsterben, das die Deutschen in den 1980er Jahren erschreckte. "Die Tatsache, dass es kein großflächiges Absterben gab, wurde weitgehend ignoriert", sagt er. "Stattdessen nehmen die Wälder zu, aber der Irrtum wurde nie selbstkritisch reflektiert."

Die gleichen Mechanismen sieht er beim Thema Klimawandel am Werk. Er bestreitet nicht den Klimawandel an sich. "Es herrscht Einigkeit über die Erwärmung und darüber, dass der Mensch die Entwicklung beeinflusst", erklärt er. Aber er hinterfragt die Qualität der Prognosen, kritisiert, dass andere Faktoren nicht genannt werden oder positive Effekte nicht gesehen werden. "Eine Warmphase hat bisher auch immer positive Auswirkungen auf Mensch und Natur gehabt", sagt er. Deutsche Medien aber liebten düstere Zukunftsprognosen und apokalyptische Szenarien. Ein Beispiel aus seiner Zeit als Focus-Wissenschaftschef: Eine Meldung des US-Polarforschungsinstituts sprach von einer Rekordschmelze des Eises am Nordpol und einer Rekordzunahme am Südpol. Der zweite Teil der Meldung wurde von deutschen Medien - bis auf den Focus - praktisch ignoriert. Unreflektierte Medienschelte will der langjährige Journalist aber nicht betreiben. Er habe nie einen Nachteil durch seine vom Mainstream abweichende Meinung gehabt: "Die Medien werden nicht durch böse Mächte gesteuert."

Quelle: RP »

RP 2. Dezember 2016

Jonas und das Problem der Freiheit

Vor gut 95 Jahren hat Hans Jonas, der berühmte Philosoph, der später in New York lehrte, am Stiftischen Humanistischen Gymnasium Abitur gemacht. So passte die Wahl des "Huma" oberhalb des Hans-Jonas-Parks gut als Ort eines Vortragsabends des Wissenschaftlichen Vereins. Auch wenn der Vorsitzende, Ludolf Kolsdorf, den Vortrag des Jülicher Pfarrers Dr. Udo Lenzig ursprünglich nebenan im Haus Erholung eingeplant hatte. "Der Saal stand heute nicht zur Verfügung", gab Kolsdorf bekannt.

Mit dem Leben und Schaffen des 1903 an der Mozartstraße geborenen jüdischen Denkers Hans Jonas kennt sich Lenzig bestens aus: Er hat sein Studium in Wuppertal mit der Promotion über den Freiheitsbegriff bei Jonas abgeschlossen. Nun erläuterte der 51-Jährige seine Forschungserkenntnisse am Ausgangsort der steilen Bildungskarriere des Denkers, der mit seinem Hauptwerk "Das Prinzip Verantwortung" die Entwicklung der Verantwortungsethik begründet hatte. Was folgte, war ein anspruchsvolles philosophisches Seminar über Weltentstehung, Ontologie und Theodizee aus Jonas' Sicht, also über die Frage der Rechtfertigung eines Gottes, der selbst Monströsestes wie den Holocaust zugelassen habe. Dazu hat Jonas 1984 in dem Aufsatz "Der Gottesbegriff nach Auschwitz" Stellung bezogen. Er geht zurück in die Welt der Mythen und der biblischen Schöpfungsgeschichte. Danach habe Gott auf einen Teil seiner Gestaltungsfreiheit verzichtet, um sich vollständig in den Schöpfungsprozess einzubringen. In seinem 1929 an seinen Lehrer Rudolf Bultmann gerichteten Essay über einen Römerbrief des Apostels Paulus kommt Jonas zu dem Ergebnis, "dass Freizeit im Letzten ihrer selbst nicht mächtig ist". Ein Jahr später stellt er in der Abhandlung "Augustin und das paulinische Freiheitsproblem" die These auf: "Entweder ist der Mensch frei oder Gott ist allmächtig".

Der zionistische Jude Jonas hält am Gottesbegriff fest und schränkt als Philosoph die Möglichkeit von Freiheit ein. Der Mensch, so Lenzig, empfinde zwar subjektive Freiheit, "aber philosophisch ist für Hans Jonas das Phänomen der Freiheit nicht einholbar". Der evangelische Theologe wählte die Formel "eingefrorene Freiheit". So wie der organische Stoffwechsel schon auf eine Grundentscheidung zum Leben hindeute, sei auch der menschliche Geist berufen, begrenzte Freiheit in Verantwortung zu entwickeln. "Das war starker Tobak für den Kopf", gestand der Vorsitzende Kolsdorf nach dem Vortrag.

Quelle: RP »

RP 21. Oktober 2016

Der neue Kopf der klugen Köpfe

 
Mönchengladbach: Der neue Kopf der klugen Köpfe
Ludolf Kolsdorf (l.) ist zum neuen Vorsitzenden des Wissenschaftlichen Vereins gewählt worden.
Er löst Dr. Bodo Assert ab, der das Amt 20 Jahre innehatte. Assert ist inzwischen Vorsitzender des Münsterbauvereins.    
FOTO: Jörg Knappe 

Mönchengladbach. 

Der Wissenschaftliche Verein hat einen neuen Vorstand gewählt. Ludolf Kolsdorf löst Dr. Bodo Assert nach 20 Jahren ab. Der "Neue" liebt Bach, Beatles und Blues. Und er will wissen, ob Fische wirklich stumm sind. Von Inge Schnettler

Er ist schon sehr lange Mitglied im Wissenschaftlichen Verein. "Aber aus Zeitgründen habe ich viele Vorträge, die ich eigentlich besuchen wollte, verpasst", sagt Ludolf Kolsdorf, der nach Ende des laufenden Schuljahrs in Rente gehen wird. Es sei ihm nicht schwergefallen, zuzusagen, als sein Vorgänger Bodo Assert ihn fragte, ob er sein Amt übernehmen möchte. "Ich unterstütze die Ziele des Vereins ausdrücklich." Im Jahr 1849 wurde der Verein gegründet - von einigen jungen Männern, die aus naturwissenschaftlichem Interesse heraus mehr Bildung unter die Leute bringen wollten. Ein Verein aus dem Bürgertum also.

Ludolf Kolsdorf unterrichtet Englisch und Sozialwissenschaften. Seine Interessen sind darüber hinaus weit gefächert. Er liebt Bach, Beatles und Blues. Und: "Seitdem ich mich im Verein engagiere, lese und höre ich ganz anders", sagt er. Denn ab sofort ist auch er immer auf der Suche nach spannenden Themen für die Vortragsreihen des Wissenschaftlichen Vereins. So hat er zuletzt im WDR einen Beitrag gehört, der die Frage stellte, ob Fische wirklich stumm sind. "Ich habe zum Radiosender Kontakt aufgenommen und den Namen des Redakteurs erfahren. Bei der Besprechung für das nächste Semester wird er das Thema vorschlagen. Schon jetzt verrät er: "Goldfische sind stumm, aber der Knurrhahn kann sich verständigen - wie, das verrät sein Name."

Etwa 250 Mitglieder hat der Wissenschaftliche Verein, der Altersdurchschnitt ist hoch. "Leider kommen wir nicht an die Jugend heran", sagt Bodo Assert. Selbst die eigenen Kinder interessierten sich nicht für die Vorträge. "Das ist aber nun mal das Format - wir bleiben als Orchidee in der Nische." Man habe aber die Hoffnung noch nicht aufgegeben. "Wir werden uns mit den Lehrern in Verbindung setzen, die für die Begabtenförderung zuständig sind." Sicher gäbe es einige Schüler, die sich für Themen des Vereins interessieren könnten.

Jahr für Jahr organisiert der Vorstand acht bis zehn Vorträge, die von namhaften Wissenschaftlern und Experten in der Regel im Haus Erholung zu hören sind. 30 bis 90 Zuhörer werden jeweils gezählt. Mitglieder - sie zahlen 30 Euro im Jahr - müssen keinen Eintritt entrichten, Nichtmitglieder kommen für fünf Euro rein. Studenten und Schüler sind ermäßigt, sie zahlen nur einen Euro.

Die Veranstaltungen beginnen jeweils um 19 Uhr und finden in der Regel im Haus Erholung am Johann-Peter-Bölling-Platz statt.

Quelle: RP»

RP 10.9.2015

RP 26.9.2014

RP 5.2.2003

Welt am Sonntag 09.11.2002

Der Wissenschaftliche Verein Mönchengladbach besteht seit 150 Jahren

Zum Lob der Wissenschaft

Lew Kopelew und Ulf Merbold hielten Referate

Mönchengladbach - Gemeinhin würde niemand Mönchengladbach als kulturelle Metropole bezeichnen. Und doch funkelt hier im Verborgenen ein Edelstein, der seinesgleichen in der Wissenschaftswelt sucht. Hier fanden sich schon vor mehr als 150 Jahren junge Männer zusammen, um einem breiteren Publikum ihre Ideen von geistiger Freiheit und Bildungswillen zu vermitteln.

Seit 1849 bemüht sich der Wissenschaftliche Verein Mönchengladbach, eine interessierte Öffentlichkeit mit Naturwissenschaften, Technik, Geschichte, Politik und Literatur bekannt zu machen. Geleitet von wissenschaftlichem Erkenntnisdrang und einer humanistischen Grundhaltung sehen sich die Rheinländer in ihrem Selbstverständnis als sozial aufgeschlossene Bürger, die einen aktiven Beitrag zum Gemeinwesen leisten wollen.

Pro Jahr finden zur Zeit etwa zehn Vorträge statt. Die Vorstandsmitglieder bemühen sich jeweils im Frühjahr um aktuelle Beiträge, die in der Regel im Haus der Erholung in der Nähe des Stadtzentrums von Mönchengladbach referiert werden. Erstaunlich ist neben der Aktualität der Vorträge die oft herausragende Stellung des Referenten in der Öffentlichkeit. Im Laufe der Jahrzehnte haben die Historiker Wolfgang Mommsen, Fritz Fischer und Theodor Schieder, der russische Schriftsteller Lew Kopelew, der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick und der ehemalige Forschungsminister Heinz Riesenhuber am Niederrhein über ihr Spezialgebiet referiert. Mitte der achtziger Jahre sprach Ulf Merbold, nur kurz, nachdem er als erster Deutscher aus dem Weltraum zurückgekehrt war, über seine Erlebnisse im All und den Forschungsstand der Weltraumforschung.

Aber nicht alle prominenten Wissenschaftler und Personen des öffentlichen Lebens kamen der Einladung des Vereins nach. Sebastian Haffner sagte den Mönchengladbachem ebenso ab wie der Philosoph Jürgen Habermas oder Altbundespräsident Theo­dor Heuss, der in seinem unverkennbaren Humor dem Verein mitteilte, dass, nachdem er aus dem höchsten Amt ausgeschieden war, die Deutschen jetzt meinten, über ihn verfügen zu können. Er aber kein Rede-Reise-Onkel sein wol­le.

Ursprünglich hatten sich die Gründerväter vor mehr als 150 Jahren aus rein naturwissenschaftlichem Interesse zusammengeschlossen, doch spätestens seit Beginn des letzten Jahrhunderts kamen vermehrt gesellschaftliche Gesichtspunkte zur Sprache. Deren für die deutsche Entwicklung zum Teil verheerenden Strömungen während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fanden sich auch in den Vorträgen wieder: Die Bedeutung von Kolonialbesitz wurde vor dem 1. Weltkrieg ebenso diskutiert wie der Flottenbau oder die Frage nach Lebensraum im Osten und die genetische Bestimmung des Menschen zur Zeit der nationalsozialistischen Diktatur. Eine antidemokratische Grundhaltung war auch bei Intellektuellen und politisch Interessierten nichts Ungewöhnliches. Insofern war der Wissenschaftliche Verein ein Spiegelbild der deutschen Gesellschaft in ihrer langen und mühseligen Suche nach einer nationalen Identität.

Der Verein zählt mittlerweile etwa 450 Mitglieder und ist bemüht, sein Programm ständig auf den letzten Stand der gesellschaftspolitischen Diskussion zu stellen. Thematisch hat sich dabei im Vergleich zur ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts viel getan: In den kommenden Wochen und Monaten werden im Wissenschaftlichen Verein Mönchengladbach unter anderem Vorträge zur Psychodynamik von Selbstmordattentätern, zu aktuellen Problemen der Wettbewerbspolitik, zum Thema Anti-Aging mit Hormonbehandlung, zur Entdeckung der Archäologie oder zur Frage nach der Existenzberechtigung des Theaters im 21. Jahrhundert referiert. Dem Selbstverständnis des Vereins entsprechend, werden also möglichst viele gesellschaftspolitischen Bereiche thematisiert. Dass es dabei schon seit vielen Jahrzehnten gelingt, die prominenten Redner an den Niederrhein und nicht nach Düsseldorf oder Köln zu holen, sorgt bei so manchem Mönchengladbacher für unverhohlene Schadenfreude.

Dirk Göbels

RP 14.9.2002

Haus Erholung 12.03.2003

Die Phantasie hilft, den Blick zu verändern

Nein, einen Beitrag zur konkreten Situation an bundesdeutschen Theater möchte er nicht leisten. Und auch die Vereinigten Städtischen Bühnen Krefeld und Mönchengladbach (VSB) weitestgehend außen vor lassen. Jens Pesel ‑seit der Spielzeit 1996/97 Generalintendant der VSB ‑, will in seinem Vortrag „Braucht die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts das Theater“, den er heute Abend auf Einladung des Wissenschaftlichen Vereins hält, die Wechselwirkung von aktuellen Strömungen in der Gesellschaft und dem Theater beleuchten. In einer Zeit, in der das Individuum ständig mit einer kaum zu erfassenden Bilder‑ und Informationsflut überschüttet wird, ist es für viele Menschen immer schwieriger, sich zu orientieren. "Das Theater ist wie alle anderen Künste in der Lage Wahrnehmung zu schulen. Das ist in der heutigen Zeit ganz besonders wichtig", betont Jens Pesel.

Aber nicht nur bei der persönlichen Neuorientierung in Sachen Ästhetik und sozialer Verantwortung kann das Theater seiner Meinung nach Hilfestellung leisten, sondern auch bei Entscheidungen im gesellschaftspolitischen Raum. "Heute werden Probleme mit zu wenig Phantasie angegangen. Das Theater macht Mut für Entwürfe der anderen Art", so der Generalintendant der VSB.

Nicht erst seit der Pisa‑Studie und ihren Ergebnissen kommen auf diejenigen, die im Theaterbetrieb in erster Linie mit Jugendlichen arbeiten, zusätzliche Aufgaben zu. "Das Theater ist ein psychosozialer Reparaturbetrieb. Was in den Schulen und Familien nicht mehr geleistet werden kann, landet bei uns", beobachtet Jens Pesel.

Generalintendant Jens Pesel: „Braucht die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts das Theater?«