Wirtschaft in Mönchengladbach „Typisch für deutsche Politik, Geld in tote Häuser, statt in Start-ups zu stecken“

Mönchengladbach · Handelsexperte Professor Gerrit Heinemann beschrieb im Vortrag die Zerreißprobe des Einzelhandelsgeschäfts. Viele Kaufleute hätten die Zeichen der Zeit erkannt, doch eines kritisiert er sehr scharf.

Professor Gerrit Heinemann sprach im Haus der Erholung zur schwierigen Lage des Einzelhandels.  Foto: Markus Rick (rick)

„Handel der Zukunft – Apokalypse now?“ So lautete eine der Fragen, die der Professor für Betriebswirtschaftslehre, Management und Handel an der Hochschule Niederrhein, Gerrit Heinemann, in seinem Vortrag „Zwischen Galeria und Temu – der Handel in der Zerreißprobe“ stellte. Das düstere Bild des stationären Handels zeichnete er – nicht ganz überraschend – im Wissenschaftlichen Verein Mönchengladbach im Haus Erholung vor knapp 80 Gästen.

Heinemann gilt als einer der führenden E-Commerce-Forscher und profiliertesten Handelsexperten im deutschsprachigen Raum. Sein Standardwerk „Der neue Online-Handel“ hat seine 17. Auflage erreicht und wurde ins Chinesische übersetzt. Am 28. April erschien sein neues Buch „Der neue KI-Commerce“.

Drei Insolvenzen bei Galeria seit 2020

„Alle sagen schade“, wenn beispielsweise ein Geschäft in der Innenstadt schließen muss, „aber keiner kauft dort ein“, erklärte Heinemann ein bekanntes Phänomen. Die Blütezeit der Warenhäuser, in denen alle Produkte unter einem Dach angeboten wurden, lag in den 1960er-Jahren. Gab es 1965 noch mehr als 1150 Warenhäuser in Deutschland, sank die Zahl 1995 auf 310. Aktuell sind es 100.

Eines davon war der Kaufhof, seit der Zusammenlegung mit Karstadt Galeria genannt. Heinemann titelte: „Galeria als Erfinder der Insolvenzintelligenz“. Seit 2020 habe es drei Insolvenzen gegeben. Der Staat habe mehr als eine Milliarde Geld gegeben, die Gläubiger hätten auf vier Milliarden verzichtet. „Typisch für die deutsche Politik, Geld in tote Häuser, statt in Start-ups zu stecken“, so Heinemann.

Der Online-Handel in Deutschland wachse überdurchschnittlich weiter. Was ihn allerdings antreibt, so der Wissenschaftler, seien Amazon und die asiatischen Billigplattformen. Amazon habe einen Marktanteil von 60 Prozent („Wie kann ein Kartellamt das zulassen?“) und es wachse weiter. Zu den asiatischen Billigplattformen gehören Temu, Shein oder Alibaba.

Heinemann setzt auf Filialen, Online-Shop und unverwechselbares Sortiment

Händler, die auf „Multichannel-Marketing“ setzen, haben Vorteile. Beim Multichannel-Marketing setzt der Anbieter oder Dienstleister darauf, die Kundinnen und Kunden auf mehreren Ebenen zu erreichen: sowohl im stationären Laden als auch im Online-Shop. Als erfolgreich in diesem Bereich nannte Professor Heinemann zum Beispiel Thalia. Die Firma Pferdesport Krämer setzt auch auf diese Mischung: 30 Filialen gibt es in Deutschland, alle autobahnnah und einen Online-Shop.

(b-r rei)